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WCAG 2.1 Checkliste: Alle Kriterien auf Deutsch erklärt

Aktualisiert: März 2026 · Lesezeit: 18 Min.

Wissen Sie, was mich bei jedem Accessibility-Projekt nervt? Dass die offizielle WCAG-Dokumentation zwar extrem präzise ist, aber ungefähr so lesefreundlich wie ein Steuerbescheid. Und die deutsche Übersetzung auf w3.org? Liest sich, als hätte jemand den englischen Text wörtlich durch DeepL gejagt und den Rest dem Schicksal überlassen.

Also habe ich mir vorgenommen, hier eine Checkliste zu erstellen, die ein Webentwickler oder Projektmanager tatsächlich verwenden kann. Ohne W3C-Bürokratendeutsch, dafür mit konkreten Beispielen und klarer Einordnung, was wirklich relevant ist.

Kurzer Kontext: Das BFSG (Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, seit Juni 2025 in Kraft) verweist über die harmonisierte Norm EN 301 549 auf die WCAG 2.1 Level AA. Das sind insgesamt 50 Erfolgskriterien — 30 aus Level A und 20 aus Level AA. Die muss ich nicht alle einzeln aufdröseln, aber die wichtigsten sollten Sie kennen.

Prinzip 1: Wahrnehmbar (Perceivable)

Inhalte müssen so dargestellt werden, dass alle Nutzer sie wahrnehmen können. Klingt selbstverständlich, oder? Ist es nicht.

1.1 Textalternativen

KriteriumLevelWas es bedeutet
1.1.1 Nicht-Text-InhaltAJedes Bild, Icon, Diagramm braucht eine Textalternative. Dekorative Bilder bekommen alt="".

Der häufigste Fehler, den ich sehe: alt="IMG_20240315_142233.jpg". Kommt öfter vor, als Sie denken — besonders bei CMS-Uploads, wo der Dateiname als Default genommen wird.

1.2 Zeitbasierte Medien

KriteriumLevelWas es bedeutet
1.2.1 Nur Audio / Nur VideoATranskript für Audio, Textalternative oder Audiobeschreibung für Video
1.2.2 Untertitel (voraufgezeichnet)AAlle voraufgezeichneten Videos brauchen Untertitel
1.2.3 AudiodeskriptionAAudiodeskription oder Textalternative für Video
1.2.4 Untertitel (live)AALive-Videos brauchen Echtzeit-Untertitel
1.2.5 Audiodeskription (voraufgezeichnet)AAAudiodeskription für alle voraufgezeichneten Videos

Praxis-Realität: Die meisten Websites haben keine Videos, und wenn doch, sind es eingebettete YouTube-Videos. Die gute Nachricht — YouTubes Auto-Captions sind mittlerweile brauchbar. Die schlechte Nachricht — Sie sind trotzdem dafür verantwortlich, dass die Untertitel korrekt sind.

1.3 Anpassbar

KriteriumLevelWas es bedeutet
1.3.1 Info und BeziehungenAStruktur und Beziehungen im Inhalt programmatisch erkennbar. Heißt: Überschriften als <h1>-<h6>, Listen als <ul>/<ol>, Tabellen mit <th>.
1.3.2 Bedeutungstragende ReihenfolgeADOM-Reihenfolge = logische Lesereihenfolge. Keine CSS-Tricks, die die visuelle Reihenfolge von der Code-Reihenfolge abweichen lassen.
1.3.3 Sensorische EigenschaftenAAnweisungen nicht nur über Form, Größe, Farbe oder Position. „Klicken Sie den roten Button rechts" → schlecht.
1.3.4 AusrichtungAAInhalt nicht nur in einer Ausrichtung (Hoch-/Querformat) nutzbar.
1.3.5 Eingabezweck bestimmenAAautocomplete-Attribute bei Formularfeldern mit persönlichen Daten.

1.4 Unterscheidbar

KriteriumLevelWas es bedeutet
1.4.1 Verwendung von FarbeAFarbe nicht als einziges Unterscheidungsmerkmal. Fehlerfelder nicht nur rot umranden — auch ein Icon oder Text dazusetzen.
1.4.2 Audio-SteuerungAAuto-Play-Audio muss pausierbar sein oder nach 3 Sekunden stoppen.
1.4.3 Kontrast (Minimum)AAText: mindestens 4,5:1. Großer Text (ab 18pt/14pt fett): mindestens 3:1.
1.4.4 Textgröße ändernAAText muss auf 200 % vergrößerbar sein, ohne Funktionsverlust.
1.4.5 Bilder von TextAAText nicht als Bild einbetten (Ausnahme: Logos).
1.4.10 Umfluss (Reflow)AABei 320px CSS-Breite kein horizontales Scrollen nötig. Responsive Design ist quasi Pflicht.
1.4.11 Nicht-Text-KontrastAAUI-Komponenten und grafische Objekte: mindestens 3:1 Kontrast.
1.4.12 TextabstandAAWenn Nutzer Zeilenabstand auf 1,5 oder Absatzabstand auf 2× setzen: kein Inhaltsverlust.
1.4.13 Inhalt bei Hover/FokusAATooltips, die bei Hover erscheinen: abweisbar, hover-fähig, persistent.

1.4.3 ist das Kriterium, das bei automatisierten Tests am häufigsten fehlschlägt. In meiner Erfahrung haben über 60 % aller Websites mindestens einen Kontrastverstoß. Meist bei Placeholder-Text oder sekundären Informationen.

Prinzip 2: Bedienbar (Operable)

2.1 Tastatur-Zugänglichkeit

KriteriumLevelWas es bedeutet
2.1.1 TastaturAAlle Funktionen per Tastatur bedienbar.
2.1.2 Keine TastaturfalleADer Fokus darf nirgendwo „hängenbleiben".
2.1.4 ZeichentastenkürzelASingle-Key-Shortcuts müssen abstellbar oder umkonfigurierbar sein.

2.2 Ausreichend Zeit

KriteriumLevelWas es bedeutet
2.2.1 Zeitbasierte BegrenzungASession-Timeouts müssen verlängerbar sein (außer bei Echtzeit-Events oder Sicherheitsgründen).
2.2.2 Pause, Stopp, AusblendenAAuto-scrollende Inhalte, Animationen: pausierbar oder stoppbar.

2.3 Anfälle und körperliche Reaktionen

KriteriumLevelWas es bedeutet
2.3.1 Dreimaliges BlitzenAKeine Inhalte, die mehr als 3× pro Sekunde blitzen. Epilepsie-Risiko.

2.4 Navigierbar

KriteriumLevelWas es bedeutet
2.4.1 Blöcke umgehenASkip-Links oder Landmark-Regionen, um wiederkehrende Blöcke zu überspringen.
2.4.2 Seite hat TitelAJede Seite braucht einen aussagekräftigen <title>.
2.4.3 FokusreihenfolgeATab-Reihenfolge logisch und nachvollziehbar.
2.4.4 Linkzweck (im Kontext)A„Hier klicken" und „Mehr lesen" ohne Kontext? Schlecht.
2.4.5 Verschiedene MethodenAAMehr als ein Weg, um Seiten zu finden (Navigation + Suche + Sitemap).
2.4.6 Überschriften und LabelsAAÜberschriften und Labels beschreiben Thema oder Zweck.
2.4.7 Fokus sichtbarAASichtbarer Fokusindikator. Bitte nicht outline: none ohne Alternative!
Klassiker-Fehler: *:focus { outline: none; } in der CSS-Reset-Datei. Damit löschen Sie den Fokusindikator für alle Elemente. Machen Sie das bitte nie. Wenn Ihnen der Standard-Outline nicht gefällt, gestalten Sie einen eigenen: :focus-visible { outline: 3px solid #1a56db; outline-offset: 2px; }

2.5 Eingabemodalitäten

KriteriumLevelWas es bedeutet
2.5.1 ZeigergestenAMulti-Touch-Gesten brauchen eine Single-Pointer-Alternative.
2.5.2 ZeigerabbruchAAktionen auf mouseup/touchend, nicht auf mousedown/touchstart.
2.5.3 Label im NamenADer zugängliche Name enthält den sichtbaren Text.
2.5.4 BewegungssteuerungAShake-to-undo o.Ä. muss deaktivierbar sein.

Prinzip 3: Verständlich (Understandable)

3.1 Lesbar

KriteriumLevelWas es bedeutet
3.1.1 Sprache der SeiteA<html lang="de"> — klingt trivial, fehlt aber oft.
3.1.2 Sprache von TeilenAAFremdsprachige Passagen markieren: <span lang="en">User Experience</span>

3.2 Vorhersehbar

KriteriumLevelWas es bedeutet
3.2.1 Bei FokusAKein Kontextwechsel nur durch Fokussieren eines Elements.
3.2.2 Bei EingabeAKein automatischer Kontextwechsel bei Eingabe (z.B. Auto-Submit bei Dropdown-Auswahl).
3.2.3 Konsistente NavigationAANavigation auf allen Seiten in gleicher Reihenfolge.
3.2.4 Konsistente ErkennungAAGleiche Funktionen gleich benennen. „Suche" auf einer Seite, „Finden" auf einer anderen? Nicht konsistent.

3.3 Eingabeunterstützung

KriteriumLevelWas es bedeutet
3.3.1 FehlererkennungAFehlerhafte Eingaben identifizieren und als Text beschreiben.
3.3.2 Labels oder AnweisungenALabels und Hinweise für Eingabefelder bereitstellen.
3.3.3 FehlerkorrekturvorschlägeAABei erkannten Fehlern Korrekturvorschläge anbieten.
3.3.4 Fehlervermeidung (rechtlich, finanziell)AABei rechtlichen/finanziellen Transaktionen: Überprüfen, Bestätigen oder Rückgängigmachen ermöglichen.

Prinzip 4: Robust (Robust)

KriteriumLevelWas es bedeutet
4.1.1 SyntaxanalyseAValides HTML. Keine doppelten IDs, korrekte Verschachtelung. (In WCAG 2.2 als „immer erfüllt" eingestuft, aber für WCAG 2.1 noch relevant.)
4.1.2 Name, Rolle, WertAAlle UI-Komponenten haben zugänglichen Namen und korrekte Rolle.
4.1.3 StatusmeldungenAAStatusmeldungen (Erfolg, Fehler, Ladebalken) programmatisch für Screenreader verfügbar, z.B. via role="alert" oder aria-live.

Die Neu-in-2.1-Kriterien: Was WCAG 2.0 nicht hatte

Falls Sie sich fragen, was WCAG 2.1 gegenüber 2.0 hinzugefügt hat — hier die 17 neuen Kriterien. Besonders relevant sind die, die Mobile-Nutzung und kognitive Zugänglichkeit adressieren:

Mein persönlicher Tipp: Wenn Sie eine bestehende Website prüfen, fangen Sie mit den neuen 2.1-Kriterien an. Die werden am häufigsten übersehen, weil viele Websites ursprünglich gegen WCAG 2.0 gebaut wurden (wenn überhaupt).

BFSG-Check: Prüfen Sie kostenlos, ob Ihre Website die Barrierefreiheits-Grundlagen erfüllt — Jetzt testen →
Muss ich WCAG 2.1 oder WCAG 2.2 erfüllen?
Das BFSG verweist über die EN 301 549 auf WCAG 2.1 Level AA. WCAG 2.2 (veröffentlicht Oktober 2023) ist aktuell noch nicht gesetzlich gefordert, enthält aber sinnvolle Verbesserungen. Wenn Sie heute eine neue Website bauen, empfehle ich direkt WCAG 2.2 AA umzusetzen — die zusätzlichen 9 Kriterien sind überschaubar und zukunftssicher.
Was ist der Unterschied zwischen Level A, AA und AAA?
Level A enthält die grundlegendsten Anforderungen (z.B. Alt-Texte für Bilder). Level AA baut darauf auf und enthält strengere Anforderungen (z.B. Mindestkontraste 4,5:1). Level AAA ist die höchste Stufe mit den strengsten Anforderungen (z.B. Kontrast 7:1). Das BFSG fordert Level AA — das sind insgesamt 50 Erfolgskriterien.
Weitere Ratgeber:
Barrierefreie Website erstellen: Praktischer Leitfaden
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